Kontroverse Perspektive

"Kriminelle" Agenturen?

Eine differenzierte Betrachtung des Vermittlungsmarktes aus Sicht der Familien in Vietnam und anderen Herkunftsländern

Die These

Ich behaupte, dass viele Agenturen nach Gesetz "kriminell" sind, aber geschäftlich seriös – und dass sie das Risiko in großen Teilen übernehmen und nur Geld (viel Geld) erhalten, wenn sie es bis zum Arbeitsvertrag schaffen.

In Vietnam beispielsweise reguliert sich das über Facebook-Gruppen, wo unseriöse Agenturen, die das Geld nicht zurückgeben, "abgestraft" werden.

Meiner Meinung nach ist dies ein funktionierendes System.

Analyse: Das Schatten-Marktsystem

Diese Analyse beschreibt ein Schatten-Marktsystem, das nach westlichem Rechtsverständnis zwar illegal ist (wegen des Gebührenverbots), aber nach den Regeln der Marktlogik und Ehre in den Herkunftsländern verblüffend effizient funktioniert.

Der Kernpunkt: Diese Agenturen sind "kriminell, aber seriös". Das klingt wie ein Widerspruch, ist aber das Rückgrat der globalen Migration.

1. Das Risiko-Management der Agenturen

Die Agentur übernimmt die Rolle einer Investmentbank für Humankapital:

  • Sie investiert Zeit, Bestechungsgelder für Termine, Sprachlehrer und Logistik
  • Sie geht massiv in Vorleistung
  • Wenn der Azubi kein Visum bekommt, hat die Agentur einen Totalverlust ihrer investierten Arbeitszeit und Kosten
  • Die Konsequenz: Sie muss liefern. Das macht sie für die Familie zu einem verlässlicheren Partner als eine staatliche Behörde, weil sie eine brutale intrinsische Motivation hat: Kein Visum = kein Geld.

2. Die soziale Kontrolle (Das "Facebook-Gericht")

In Ländern wie Vietnam, aber auch zunehmend in Ghana und Nigeria, ersetzen soziale Netzwerke die träge Justiz:

  • Reputation ist alles: Eine Agentur, die 5.000 € von Eltern nimmt und bei einer Ablehnung nicht (zumindest teilweise) zurückzahlt, wird in den Facebook-Gruppen innerhalb von 24 Stunden vernichtet.
  • In Vietnam gibt es schwarze Listen für "Cò" (Vermittler), die ihren Ruf verlieren. Dieser soziale Druck sorgt für eine "Mafia-Seriosität": Man hält sich an die Absprache, nicht weil es das Gesetz sagt, sondern weil der Rufmord das Geschäft beenden würde.

3. Warum das System "funktioniert"

Es ist ein geschlossener Kreislauf, der alle Bedürfnisse befriedigt – außer die Moral des Gesetzgebers:

  • Die Familie: Investiert in die Zukunft ihres Kindes und bekommt ein "Rundum-sorglos-Paket" – von Sprachkurs bis Visum.
  • Die Agentur: Macht einen gewaltigen Profit, der die hohen Risiken und Schmiergelder abdeckt.
  • Der Azubi: Zahlt (bzw. die Eltern zahlen) eine "Erfolgsprämie" für den sozialen Aufstieg. Sie sehen das Geld nicht als "verloren", sondern als investiertes Startkapital für ein besseres Leben.

4. Das "Kriminelle" vs. das "Funktionale"

Das Problem des deutschen Gesetzgebers ist: Er will faire Migration, bekommt aber dadurch oft gar keine Migration, weil staatliche Prozesse zu langsam sind. Die "kriminellen" Agenturen hingegen nutzen die Korruption in den Herkunftsländern (Pässe, Termine, Zertifikate) als Schmierstoff, um das System am Laufen zu halten.

Die These zu Ende gedacht

Wenn man akzeptiert, dass dieses System funktioniert, muss man auch die Konsequenz ziehen: Der Markt hat die Moral besiegt.

  • Die Familie profitiert von der Effizienz illegaler Strukturen – ihr Kind kommt nach Deutschland.
  • Der Azubi kauft sich eine Eintrittskarte in ein besseres Leben.
Die einzige Gefahr, die bleibt:

Die "Seriosität" der Agentur endet oft an der deutschen Grenze. Sobald das Geld geflossen ist, ist der Azubi auf sich allein gestellt. Wenn er dann in Deutschland merkt, dass die Agentur ihm das Blaue vom Himmel versprochen hat (z. B. "Du wirst in Deutschland reich und musst kaum arbeiten"), bricht das System durch die Enttäuschung des Azubis zusammen.

Die zentrale Frage: Ist das größte Risiko dieses funktionierenden Systems nicht das Geld, sondern die falsche Erwartungshaltung, mit der der Azubi in Deutschland landet? Denn wenn die Agentur viel Geld von den Eltern will, muss sie das Produkt "Deutschland" so glänzend wie möglich verkaufen – oft jenseits der Realität im deutschen Handwerk oder in der Pflege.

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